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Kränkung als ein Mittel zur Manipulation 30.08.2016

Ich sage zu ihr: "Vielleicht reicht es?"

Und sie schaut mich mit großen Augen an, macht einen Eindruck, als würde sie nichts verstehen. Große gekränkte Augen. Ja, in ihnen ist soviel Schmerz erstarrt, dass der Atem stockt. Ich sehe diesen Schmerz. Und ich sehe außerdem, wie sie ihn vorsichtig aus ihrem Herzen hervorholt, um ihn vorzuzeigen, und ihn anschließend ebenso vorsichtig wieder zurücklegt. Trägt ihn Jahr für Jahr mit sich herum und befreit sich nicht davon. Sie ist fast vierzig. Aber mir gegenüber erneut das gekränkte kleine Mädchen.

"Vielleicht reicht es, die Kränkungen zu hätscheln? Vielleicht ist es besser sie anzunehmen und loszulassen? Oder weißt du einfach nicht, womit du sonst dein Herz füllen sollst?"

Das geschieht oft. Und nicht das ihr denkt, nur mit anderen. Das geschieht auch mit mir. Wenn ich genau so vorsichtig meine Kränkungen hervorhole und sie behutsam an derselben Stelle wieder verstaue. Weil sie nützlich sein können. Und unbedingt nützlich sein werden. Gekränkt zu sein ist vorteilhafter.

Das Vorhandensein von Groll auf einen anderen Menschen gibt euch im wörtlichen Sinne Handlungsfreiheit. Ihr könnt es euch gestatten, euch abscheulich zu benehmen, und zwar so sehr, wie es euer Gewissen erlaubt. Könnt den anderen ignorieren, könnt auf eure Rechte pochen und "Boni" in beliebigem Ausmaß in Anspruch nehmen, könnt Garstiges über den Menschen erzählen, könnt euch rächen. Ihr könnt so vieles, wenn ihr gekränkt seid. Und wenn man die Kränkung beseitigt, was bleibt dann? Wie werden dann Beziehungen aufgebaut? Können wir das etwa?

Säcke voll kindlicher Kränkungen

Die größte Schicht unserer Kränkungen - ist Groll auf die Eltern. Nicht richtig geboren, nicht richtig erzogen, nicht das Richtige beigebracht. Nicht das beste Beispiel gegeben, nicht das gegeben, was sie hätten geben können, nicht richtig losgelassen, nicht geholfen, hier gestört, hier unterdrückt. Und selbst im Erwachsenenalter verhalten sie sich nicht richtig, machen das falsche, mischen sich ein und überhaupt.

Zurück zu dem fünfjährigen Mädchen mir gegenüber, das schon längst vierzig isr. Warum ist in ihren Augen soviel Schmerz? Hat man sie im Stich gelassen? Hat man sich über sie lustig gemacht? Verraten? Nein. Man hat ihr keine Puppe gekauft. Ich weiß nicht, aus welchen Gründen. Möglich, dass kein Geld da war. Oder es gab solche Puppen nicht. Oder die Eltern haben einfach nicht verstanden, dass sie so eine Puppe wollte. Haben sie nicht gekauft und fertig.

Dreißig Jahre sind vergangen. Und erfolgreich seiend, hätte sie sich schon jeden Monat eine Puppe kaufen können. Aber sie wählt ihren Groll. Nochmals und nochmals. Eine Lösung ihrer inneren Situation

gibt es nicht, weil sie darauf wartet, dass sich das Bild der Vergangenheit ändert - und man ihr diese Puppe kauft, damals, vor 30 Jahren. Und was du heute nicht auch tust - alles wird daneben sein.

Warum handelt sie so? Weil es ihr nützlich ist. Nützlich ein solches Haustier namens "Kränkung" zu haben. Bequem. Aus vielerlei Gründen.

In der Situation mit den Eltern kann man ihnen jeden beliebigen Misserfolg zuschreiben. Sie sind schuld daran, dass ich keine Familie habe, der Mann ein Tyrann ist, die Kinder nicht hören, ich keine Arbeit habe. Dann bin ich selbst weiß und flaumig. Dann muss ich nämlich selbst nichts tun und mich überhaupt nicht ändern. Und alles sollen sie auf dem Gewissen haben.

Ich erinnere mich an ein Mädchen, das keinen Mann fand. Sie bewies mir übereifrig, dass Mama daran schuld ist. Ich verstand nicht, wie Mama sie dabei stören konnte, in einer anderen Stadt lebend und einmal in der Woche mit ihr telefonierend. Es zeigte sich, Mama hat sie nicht richtig erzogen.

"Gut", sage ich, "und du kannst die nötigen Erfahrungen und Kenntnisse jetzt nicht bekommen? Was tust du dafür um das zu erlernen, um einen Mann zu finden? Um dich herum gibt es doch Männer, Bewunderer?"

Und es stellt sich heraus, dass sie gar nichts tut. Sie gibt niemandem von denen, die an ihr interessiert sind, eine Chance. Sucht keinen Kontakt zu Männern. Hält sie für schreckliche Tiere. Kann und will nicht mit ihnen reden. Und schuld daran ist Mama.

Irgendwie hatte ich das Bedürfnis ihr einen Klaps auf den Hinterkopf zu geben (diesen Wunsch habe ich selten, aber das hier ist so eine Situation). Mama - hat nichts damit zu tun. Mama hat daran überhaupt keinen Anteil. Sie ist nur eine Ausrede, die Ursache dafür, nichts tun und sich dabei nicht schuldig zu fühlen.

Mithilfe des Grolls auf die Eltern kann man von anderen Menschen Aufmerksamkeit in Form von Mitleid und Anteilnahme bekommen. Es gibt Menschen, die jahrelang zu Psychoanalytikern gehen, ohne ernsthafte Traumen zu haben, nur einen Haufen kleiner Kränkungen mit sich herumtragen. Aber jedes Mal, die Einzelheiten dieser Kränkungen mit Genuss auskostend, bekommen sie die Anteilnahme und Aufmerksamkeit anderer Menschen. Wie soll man diesen Reichtum wegwerfen?

Und man kann mithilfe dieser Kränkungen seine Eltern steuern. Sie wegstoßen, wenn sie sehr nah sind, sie heranziehen, wenn man etwas von ihnen möchte. Manipulieren, etwas von ihnen bekommen, sich im Alter nicht um sie kümmern. Sie kontrollieren, grob zu ihnen sein, sie ignorieren, sich distanzieren...

Wie viele Möglichkeiten gibt einem so eine Kränkung! Und über das ganze Leben kann man einen Eimer solcher Kränkungen ansammeln, oder einen ganzen Sack voll. Hier verletzt, dort gekränkt, dort zu wenig gegeben... Und dann mit sich herumschleppen, um es im Fall eines Falles zu präsentieren und seine "Boni" zu kassieren. Oder mit sich herumzutragen wie eine Vollmacht, die Handlungsfreiheit gewährt und erlaubt gewissenlos jeden beliebigen Alptraum zu entfesseln.

Und kann man denn diesen Jahre alten Kram einfach loslassen und wegwerfen? Einmal gründlich beweinen, seinem inneren Kind helfen dieses Problem irgendwie zu lösen - und weiterzugehen? Die Eltern haben uns doch so geliebt, wie sie konnten. Nicht ideal. Genau so, wie wir es verdient haben. Und weiter können wir selbst viel in unserem Leben ändern. Wir selbst. Es überschreiben, umgestalten, verändern. Losgehen und diese blöde Puppe kaufen. Oder zehn Puppen. Oder auf die Uni gehen, von der wir geträumt haben. Oder dorthin fahren, wohin wir irgendwann einmal wollten - in dieses Disneyland. Aber das ist viel schwieriger, als sich an seinen Kränkungen festzuhalten.

Es ist schwieriger Beziehungen zu den Eltern aufzubauen, die Vergangenheit loslassend und ihnen erlaubend lebendig zu sein und sich zu irren. Viel einfacher ist es, sie mithilfe von Manipulation in den eigenen Lebensstandard hineinzudrängen. Benehmt euch ja ordentlich, sonst habe ich hier kompromittierendes Material.

Der schuldige Gatte - eine nützliche Sache im Haushalt

Maschas Mann ist einst gestrauchelt. Reichlich lang her und reichlich ernsthaft. Nein, er hat sie nicht betrogen. Er hat ihr nur gesagt, dass sie dick ist. Mascha war gekränkt (wer wäre nicht gekränkt gewesen). Allerdings ist das schon fünfzehn Jahre her. Seit dem hat sich Mascha verändert, und ihr Mann hat ihr nicht nur einmal Komplimente gemacht. Aber... die Kränkung ist geblieben.

Diese Kränkung ist für Mascha sehr vorteilhaft. Jedes Mal, wenn ihr im Streit die Argumente ausgehen, holt sie diese Kränkung hervor und wedelt damit vor dem Gesicht ihres Mannes herum. Junge, wie kannst du nach so einer Geschichte überhaupt noch irgendetwas sagen? Und Mascha ist mit keinem Argument zu überzeugen. Weil sie ein schwerwiegendes Argument in ihren Händen hat. Ihre Kränkung!

Dank dieses Grolls bekommt sie, höchstwahrscheinlich, nach einem Streit eine Entschuldigung und Blumen. Selbst wenn sie unrecht hatte. Ihr Mann wird noch zärtlicher, fürsorglicher sein, und sei es nur für eine gewisse Zeit. Was für Mascha auch erforderlich war.

Man kann doch aber auch einfach darum bitten. Oder den Mann dafür begeistern. Aber das ist schwieriger und riskanter. Möglicherweise lehnt er es ab? Möglicherweise gibt er nicht das richtige oder zu wenig? Und wenn ich in einer verwundbaren Position Bitten stelle, lacht er vielleicht über mich, demütigt mich?

Groll hingegen - ist eine verlässliche Waffe. Zur Massenvernichtung. Mit Zielsuchsystem. Vor ihr kannst du nicht fortlaufen und dich nicht verstecken. Wenn deine Frau neben dir sitzt und weint, und du bist Schuld daran, dann wirst du, ob du willst oder nicht, etwas tun. Natürlich gibt es auch welche, die gegen solche Manipulationen eine Immunität entwickelt haben, Doch meistens reagiert der Mann in einer der Frau nützlichen Weise.

Und es ergibt sich, dass ein schuldiger Gatte im Haushalt sehr sehr nützlich ist. Im richtigen Moment holst du aus der Vorratstruhe eine kleine oder große Kränkung (je nach Situation) - und der Laden läuft. Und Kränkungen zu sammeln ist keine komplizierte Sache. In jedem Familienleben gibt es Situationen, die man verbergen, im Ärmel verstecken kann. Wenn nur der Wusch da ist.

Das ist wie eine Trumpfkarte - oder ein Joker, der euch so viele Möglichkeiten eröffnet! Zum Beispiel dass zu tun was ihr möchtet, aber dem Mann nicht gefällt. Er empört sich - und ihr kontert mit dem Joker. Oder den Mann unter Druck setzen, wenn er etwas nach seinem Willen tun möchte. Du willst angeln gehen? Hier hast du den Joker! Und mit dem Joker kann man ebenfalls seine Wünsche materialisieren, die Grenzen der eigenen Freiheit erweitern und die Freiheit des Mannes einschränken. Und bei all dem weiß und flauschig bleiben, eine gute und "ideale" Gattin.

Eine meiner Bekannten hat ihrem Mann auf diese Weise einen Seitensprung "verziehen". Aber wie sie verziehen hat - hat sich den Anschein gegeben, als wäre alles normal. Jetzt aber darf sie alles. Und kaum dass er ... - "Nicht ich habe dich betrogen!" Und der Mann hat keine andere Wahl - nur den Mund zu halten und still zu sitzen. Selbst fortzugehen gestattet sein Gewissen nicht. Bequem, oder?

Und eine andere Bekannte hat so ihrem Mann große Verluste verziehen. Und jetzt wurde der gesamte Besitz auf sie übertragen, er hat keinerlei Rechte, selbst das Auto benutzt er mit einer Vollmacht. Dagegen aufbegehren kann er nicht. Er ist schuld. Sie ist gekränkt.

Und dabei kann man die Verhältnisse mit dem Mann "zurücksetzen", wirklich verzeihen (was bedeutet, sich nicht zu erinnern), die Vergangenheit loslassen. Verstehen, dass er auch lebendig ist, nicht vollkommen ist, Fehler macht. Lernen einander zuzuhören, aufeinander zugehen, sich gegenseitig zu respektieren, direkt um

etwas zu bitten - in diesem Sinne auch um Aufmerksamkeit. Das ist wohl komplizierter, als jedes Mal seinen Joker aus dem Ärmel zu holen. Dafür muss man vieles lernen - und nicht der Mann muss sich ändern, sondern ich selbst. Aber möchte sich irgendjemand ändern?

Und in jeder Beziehung werden Kränkungen ein vorteilhaftes Instrument zur Regulierung einer Beziehung. Eine Möglichkeit das Gewünschte, Vorteilhafte, Nötige zu bekommen. Mit einem einfachen, aber sehr effektiven Instrument. Und mitten ins Schwarze zu treffen, ohne Fehlschuss.

Darum ist es vorteilhafter gekränkt zu sein. Um sich nicht verändern zu müssen, nicht lernen zu müssen lebendig zu sein, sein Herz nicht zu öffnen, keine Beziehungen einzugehen. Und einen Mann zu haben, Kinder zu haben, Status, Freunde, Eltern, das sieht einfach gut aus… Haben, aber nicht sein. Kontrollieren und manipulieren, aber nicht lieben. Und nicht einmal wirklich gekränkt zu sein, sondern gekränkt zu spielen. Das Herz ist dabei verschlossen…

Und wir selbst wählen. Entweder der schwierige Pfad der Entwicklung und Beziehungen, den Pfad der „Kunst zu lieben und zu verzeihen“. Oder der leichte Weg - das Spiel mit dem Joker, Manipulationen und die Imitation von Beziehungen, ohne die Qualen des Wachstums und der Entwicklung, ohne Risiko. Was wählt ihr?

Olga Valyaeva

Quelle